Amphibien in Not


von Peter Laufmann

Es ist still geworden an vielen Tümpeln, im Laub und in den Kronen der Bäume. Wo früher Frösche quakten, ist heute Ruhe. Weltweit verschwinden die Amphibien in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit. In vielen Weinbergen könnten kleine Feuchtbiotope angelegt werden, um Amphibienarten zu retten und zugleich das Ökosystem auszubalancieren.

Schnapp. Und wieder ist eine Kaulquappe im Maul des Nasenfrosches verschwunden. Schnapp, die nächste. Und noch eine. Doch der erste Eindruck täuscht. Der Frosch genehmigt sich keinen Snack auf Kosten der nächsten Generation. Was wie ein barbarischer Akt aussieht, ist Ausdruck vorbildlicher Vaterschaft. Männliche Nasenfrösche nehmen die neue Generation auf, um sie im sicheren Schoß ihres Kehlsacks gedeihen zu lassen. Nach zwei bis drei Monaten öffnet Papa Frosch sein Maul und heraus springen winzige Nasenfröschlein. Doch unterm Strich scheint all die Liebe zum Nachwuchs umsonst: Von den zwei Arten Nasenfröschen, die es auf der Erde gibt, ist eine seit 25 Jahren nicht mehr aufgetaucht und wohl ausgestorben.

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Ein Schicksal, das viele andere Amphibienarten teilen: Goldkröte, Magenbrüterfrosch, Wolterstorff-Molch und, und, und. Überall auf der Welt verschwinden Frösche, Unken, Molche, Kröten, Salamander und Blindwühlen. Und zwar nicht nur weit weg, sondern auch bei uns, direkt vor unserer Haustür. Forscher bezeichnen es bereits als das größte Massensterben seit dem Untergang der Dinosaurier. Urheber der Misere ist der Mensch: Sein Hunger auf Rohstoffe, seine Lebensweise und sein Expansionsdrang setzen der ganzen Tiergruppe zu. Der letzte Nagel am Sarg jedoch ist offenbar ein winziger, unscheinbarer Schädling: der Chytrid-Pilz. Tausende Lurche fallen ihm zum Opfer. Wobei sein Siegeszug ebenfalls auf das Konto des Menschen geht.
Es sieht düster aus. Dabei haben Amphibien eine einzigartige Erfolgsgeschichte hinter sich. Ihre Vorfahren besiedelten vor 360 Millionen Jahren als Erste das feste Land und eroberten die Kontinente. Es war ein kleiner Schritt für die Amphibie, aber ein gewaltiger Sprung für die Wirbeltiere – und ein Meilenstein der Evolution.

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Heute sieht es so aus, als seien die Urenkel der Pioniere den anderen Lebewesen wieder einen Schritt voraus. Nur diesmal Richtung Abgrund. Denn nicht nur Artenschützer und Froschfans sehen die Entwicklung mit Sorge. Das Sterben der Frösche könnte viele andere Lebewesen mit ins Verderben reißen: „Sterben die Nashörner aus, ist das ein sichtbarer Verlust, aber für das Ökosystem und das menschliche Dasein kaum relevant”, sagt Jörg Adler, Direktor des Zoos Münster und einer der führenden Köpfe im deutschen Amphibienschutz. „Wenn aber die Frösche und ihre Verwandten verschwinden, sollten wir uns ernsthaft Sorgen machen.” Denn Amphibien spielen nicht zuletzt als Insektenvertilger eine enorm wichtige Rolle für die Stabilität von Ökosystemen. Allein 1000 Exemplare des Grillenfroschs verspeisen pro Jahr fünf Millionen Wirbellose. Fiele diese Regulation weg, die Folgen für Fauna und Flora und letztlich auch für die Lebensgrundlagen des Menschen wären unabsehbar.

Mehr als 5200 Frosch-, Kröten- und Unkenarten sind bislang bekannt. Außerdem zählen noch 530 Molche und Salamander sowie 170 Blindwühlen zu den Amphibien – obwohl letztere eher aussehen wie eine Kreuzung aus Aal und Regenwurm. Immer wieder werden neue Arten entdeckt, die es nur in einem bestimmten Gebiet, nur in einem einzigen Wald, auf einer Insel oder sogar nur in einem Tümpel gibt.
Ihre Spezialisierung ist manchen Fröschen schon vor langer Zeit zum Verhängnis geworden. Auf der Insel Sri Lanka wurde beispielsweise 1864 das Aussterben eines Ruderfrosches dokumentiert. Nur ein paar getrocknete Exemplare geben noch Zeugnis von ihm. Warum die Art ausstarb, lässt sich schwer nachvollziehen; zu schnell war sie nach ihrer Entdeckung verschwunden. Wahrscheinlich wurde auch ihr Lebensraum von heute auf morgen umgewandelt. Auf einer Insel ist das besonders dramatisch – denn wohin sollten die Tiere ausweichen?
Doch nicht nur im Ozean gibt es Inseln. Die Regenwälder schrumpfen ungebremst weiter, Populationen werden isoliert, verschwinden einfach unter fallenden Urwaldriesen oder brennenden Bäumen. In Deutschland ist die Situation nicht besser, im Gegenteil: 80 bis 90 Prozent der kleinen Tümpel, großen Pfützen, feuchten Wiesen und nassen Gräben sind fort. „Sie sind trockengelegt, zugeschüttet oder sogar ausgebaggert worden und damit als Lebensraum für die meisten Amphibien verloren”, sagt Holger Buschmann vom Naturschutzbund NABU. „Zudem ist es kaum möglich, von einem Teich zum nächsten zu kommen, die Landschaft ist von Straßen und Ortschaften total zerschnitten.” Die Tiere haben so keine Chance, neue Lebensräume zu besiedeln.

Parasiten und Klimawandel
Seit den 1980er Jahren erfährt das Amphibiensterben noch eine neue Dimension. Forscher stellten verwundert fest, dass selbst in nahezu unberührten Gegenden bis dahin stabile Populationen plötzlich verschwanden.

Grasfrosch_01Erst 1998 kam man dem Rätsel auf die Spur: Ein Pilz mit dem Namen Batrachochytrium dendrobatidis, kurz Chytrid-Pilz genannt, hatte die Frösche dahingerafft. Er gehört zu den Töpfchenpilzen, die normalerweise harmlos sind und Pflanzenleichen zu recyceln helfen. Doch dieser Vertreter ist ein Killer: 50, 80 oder sogar 100 Prozent einer Amphibienpopulation sterben, wenn sie befallen ist. Besonders schwer hat der Pilz unter den Fröschen der Karibik, Mittelamerikas und Austra¬liens gewütet. Er greift das Keratin in der Haut an, die wichtig für die Atmung und den Feuchtigkeitshaushalt der Amphibien ist.
Der Pilz ist bereits seit über 70 Jahren verbreitet, doch warum schlägt er erst jetzt so unbarmherzig zu? Eine Studie des Magazin Nature stellt einen Zusammenhang zwischen Klimawandel und Froschsterben her. Forscher hatten Daten über Temperatur und Wolkenbildung mit Daten zum Verschwinden von Stummelfußfröschen in den feuchten Bergwäldern Lateinamerikas verglichen. Offenbar reichten bereits geringe Temperaturänderungen, um die Bedingungen für Pilz und Frosch total zu verändern. In der Region bilden sich heute mehr Wolken als früher. Dadurch sind die Tage ein wenig kühler, die Nächte ein wenig wärmer. Für den Pilz, der am besten zwischen 17 und 25 Grad gedeiht, optimal.

Auch in Europa ist der Chytrid-Pilz bereits in die Umwelt gelangt und gefährdet nun etliche Amphibien. In Spanien sind zahlreiche Feuersalamander und Erdkröten verendet. „Wir haben den Pilz auch im ganzen südwestdeutschen Raum gefunden”, sagt Amphibienexperte Jörg Plötner vom Berliner Museum für Naturkunde. Und bei Koblenz ist es bereits zu einem Massensterben gekommen.
In Südeuropa kommt erschwerend hinzu, dass im Zuge der erwarteten höheren Temperaturen in den nächsten Jahrzehnten viele Lebensräume der Tiere verschwinden werden. „Zwar gibt es eine Ausweitung des Areals nach Norden hin”, sagt Ingolf Kühn vom Helmholtzzentrum für Umweltforschung, das die Folgen der Erderwärmung auf verschiedene Organismen untersucht. „Die Gewinne gleichen die Verluste aber keinesfalls aus. Besonders auf der Iberischen Halbinsel werden heimische Arten wie die Messerfuß-Kröten unter Trockenheit leiden. Und für unsere Erdkröten werden wärmere Winter zu einem Problem. Sie fallen nicht mehr in ihre Winterruhe, ihr Stoffwechsel arbeitet weiter, und die verbrannten Kalorien können nicht ersetzt werden, weil die Beute fehlt.”

Von den weltweit rund 6000 Amphibienarten, die bislang beschrieben wurden, sind rund 1900 bedroht. Das heißt, jede dritte könnte verschwinden. Mindestens. Denn von vielen der übrigen Arten gibt es nicht einmal Daten zur Bedrohung. Von etwa 1400 Spezies wissen Forscher wenig mehr, als dass es sie gibt. Und da sie zudem davon ausgehen, dass zahlreiche Amphibien noch unentdeckt sind, sterben viele womöglich heimlich, still und leise. Deswegen schlagen die Experten Alarm: 50 Prozent dieser Tierklasse könnten bald zur biologischen Fußnote werden.
34 Arten sind bereits ausgestorben, weitere 134 gelten als ziemlich sicher vom Planeten Erde getilgt, da sie seit zig Jahren nicht mehr gefunden wurden. Mit wenigstens zehn weiteren aussterbenden Arten pro Jahr rechnen Amphibienforscher in Zukunft. Selbst bei vielen Spezies, die bislang nicht als bedroht gelten, sinken die Bestände. Lokal betrachtet ist es noch dramatischer: In der Karibik sind bereits 82 Prozent der Amphibienspezies in Gefahr, in Mittelamerika 52 Prozent.

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Die Situation der Amphibien sollte uns auch aus einem ganz neuen Grund zu denken geben, meint Zoodirektor Jörg Adler: „Erstmals sind Klimawandel, die Ausbreitung einer Krankheit und das Verschwinden einer Tiergruppe ganz eng miteinander verwoben. Wir können noch gar nicht absehen, was ähnliche Zusammenhänge bei anderen Gruppen anrichten werden.”
Außerdem: Losgelöst von allen biologischen und wirtschaftlichen Erwägungen sind Amphibien ein Kulturgut. Ihr ideeller Wert ist unbezifferbar. Er reicht vom Froschkönig bis zu den Marken Salamander und Frosch und der bekanntesten Amphibie überhaupt: Kermit aus der Sesamstraße und der Muppetshow. Auch er ist übrigens als Botschafter für den Amphibienschutz unterwegs. Ob sein Einsatz Erfolg hat, ist noch ungewiss. Denn wie Kermit selbst sagt: „Es ist nicht leicht, grün zu sein.”

[Peter Laufmann ist Redakteur des Magazins natur + kosmos, mit dem Ithaka künftig öfters zusammenarbeiten wird.]

PS: Delinat hat ein Projekt zur Anlage von Feuchtbiotopen in Weinbergen lanciert. In der Domaine de Mythopia springen schon seit zwei Jahren wieder Frösche durch die Rebbegrünung. Auf Château Duvivier wurde in diesem Winter ein erstes größeres Feuchtbiotop am Fuß der Weinberge angelegt. In den kommenden Monaten werden wir auf Ithaka das Projekt näher vorstellen und auch Anleitungen zur Installation von Feuchtbiotopen geben.

PS2: Eine weitere Hauptursache für das Aussterben der Frösche ist die Jagd. Bis zu einer Milliarde Frösche werden jedes Jahr in der Wildnis gefangen, um sie – vor allem ihre Schenkel – zu essen. Das hat eine Analyse von UN-Handelsdaten ergeben. Frankreich und die USA sind die Hauptimporteure, Indonesien ist mit 5000 t pro Jahr der größte Exporteur. Froschzucht für Ernährungszwecke wird bislang nur selten betrieben.

Amphibien in Not, 5.0 out of 5 based on 10 ratings

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3 Antworten zu “Amphibien in Not””

  1. hps
    Titel:

    Amphibien Arche
    2007 haben sich Artenschützer und Zoodirektoren zusammengetan, um das Schlimmste zu verhindern: Sie wollen intakte Populationen von gefährdeten Arten einsammeln und in einer Art Arche für Amphibien konservieren. Jeder Zoo, jeder botanische Garten, ja sogar private Halter sollen Verantwortung für einige Arten übernehmen. Im besten Fall könnten die Überlebenden zu Keimzellen neuer Populationen werden, sobald das Massensterben ein Ende hat. Ein ehrgeiziger Plan, der in den nächsten zehn Jahren 400 Millionen Dollar verschlingen könnte – sofern sich jemand findet, der ihn finanziert. (siehe: Aktionsprogramm Amphibien-Arche)

  2. Sabine Kiermaier
    Titel:

    Der Artikel beschreibt einen weiteren, eher wenig bekannten Einfluß des Klimawandels und ist sehr aufschlußreich. Ich freue mich, zu lesen dass die Winzer in diesem Gebiet aktiven Umweltschutz betreiben möchten und möchte gerne weiterhin darüber informiert werden.

  3. Thomas Meyer
    Titel:

    Während man sich bei globalen Veränderungen wie dem Klimawandel als einzelner recht hilflos fühlt, ist das Anlegen eines Biotops eine Maßnahme, durch die ein Erfolg für den Artenschutz schnell sichtbar wird. Es ist oft faszinierend, wie schnell Tiere einen neu geschaffenen Lebensraum wie einen Tümpel wieder besiedeln, wenn das Umfeld dafür stimmt. In diesem Sinne ist die Initiative von Delinat sehr begrüßenswert. Es würde mich freuen, mehr davon zu lesen.

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