Aussaat von Weinbergspfirsichen für 1000 Winzer


von Claudio Niggli

Das Echo auf den Aufruf war überwältigend. Mehr als 5000 Pfirsichkerne wurden im Rahmen des Projektes zur Wiederansiedlung der Weinbergpfirsiche eingesandt. Fast alle Schweizer Weinregionen sind vertreten, einige Steine haben auch Landesgrenzen überwunden. Die meisten Samen schlummern nun bereits im Erdboden und warten auf den Frühling.

3-jähriger Weinbergpfirsich

3-jähriger Weinbergpfirsich

Der November im Delinat-Institut hat sich wie verfrühte Weihnachten angefühlt. Regelmässig sind Einsendungen von kleinen oder auch grösseren Päckchen mit säuberlich verpackten Kernen eingetroffen. Für Liebhaber von seltenen Sorten war dies eine wahre Freude. Zahlreiche handgeschriebene Begleitbriefe haben dem Ganzen einen fast feierlichen Charakter verliehen und haben auf schöne Art vermittelt, wie groß die Begeisterung für das Projekt ist. Die Informationen zur Herkunft und Geschichte der Kerne ist in den Schreiben unterschiedlich detailliert ausgefallen. Viele der Kerne stammen tatsächlich von Bäumen die in Rebbergen stehen. Zahlreiche andere wurden in Privatgärten gesammelt, oft als Nebenprodukt der beliebten Marmeladeproduktion. Auch von unserm Projektpartner Pro Specie Rara haben wir zahlreiche Steine erhalten. Bei welchem Saatgut aus privaten Herkünften es sich tatsächlich um Weinbergspfirsiche handelt, können wir zu diesem Zeitpunkt nur für einen Teil der Samenbank beantworten. Aufgrund der verhältnismässig geringen Größe der meisten Steine ist dies aber wohl bei fast allen Einsendungen der Fall. In einer Einsendung präsentierten sich die Steine ausgesprochen gross, leicht, spröde und weich, die typischen Reliefs fehlten. Nach einer kurzen Irritation und kleinen Geschmacksprobe war klar: es handelte sich um eine nahe Verwandte, die Mandel.

Was ist ein echter Weinbergspfirsich?

Pfirsiche SchnittDie Definition, was denn nun ein Weinbergspfirsich ist, hat keine scharfen Grenzen. Retropomme hat aber einige Merkmale definiert, welche auch uns als Leitfaden dienen sollen: Weinbergspfirsiche werden durch Samen vermehrt und wachsen wurzelecht, müssen also nicht wie sonst üblich auf wüchsige Unterlagen gepfropft werden. Die Bäumchen sind robust im Wachstum und weniger anfällig gegen Krankheiten. Die Früchte sind verhältnismäßig klein, das Fruchtfleisch kann ganz weiß, rosa marmoriert oder auch ganz dunkelrot bis rotviolett (Blutpfirsich) sein. Die Haut präsentiert sich je nach Sorte in unscheinbaren Grün- und Gelbtönen, ist manchmal rötlich überhaucht oder bei einigen Sorten auch kräftig rot. Prinzipiell könnte man alle durch Samen vermehrten Pfirsiche als Weinbergspfirsiche bezeichnen.

Grosse Variation

PfirsichsteineBereits bei den eingesendeten Steinen lassen sich deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Sorten erkennen: da finden sich relativ große, ovale Steine, die noch am ehesten an die gelben Supermarktpfirsiche erinnern, dann aber auch lang gezogene, elegant-schlanke Formen, deren Spitzen auf beiden Seiten schmal zulaufen, sowie ungewohnt kleine, beinahe kugelförmige Kerne mit fast stumpfen Enden (Bild). Die Farben spielen von fahlem Graubraun über rötliche Kirschholz-Töne bis zu dunklem Kastanienbraun. Die Reliefs sind mal eher schwach und sanft geschwungen, mal durch tiefe Gräben gekennzeichnet. Bei manchen Sorten sind rundliche Krater zahlreich vertreten, bei anderen ziehen sich fast ausschliesslich lange, feine Rinnen über die Oberfläche. Aus diese großen Vielfalt der Kerne wird eine entsprechende Vielfalt im Aussehen und Geschmack der Früchte resultieren. Ziel ist es, einige besonders interessante Sorten zu selektionieren und zu schützen.

Aussaat der Kerne

Als erstes galt es, alle Einsendungen zu registrieren und eine Datenbank mit den grosszügigen Spendern und den Herkünftsorten anzulegen. Dann wurde von jeder Herkunft die Hälfte der Steine abgezweigt, welche nun im Berner Oberland in der Baumschule von Roland Wenger in einem fachmännischen Betrieb vermehrt werden. Die andere Hälfte der Steine wurde inzwischen am Delinat-Institut im Freiland ausgesät.

Aussaat von Pfirsichkernen

  • Die Steine nach der Ernte sauber und trocken lagern.
  • Im Spätherbst etwa 5 cm tief in noch ungefrorenen Boden legen
  • Pro gewünschtem Standort 3-4 Steine auslegen
  • Bei Gefahr von Nagetieren eintopfen und mit Topf in die Erde graben
  • Alternativ ca. sechs Wochen im Kühlschrank lagern und im Frühjahr in die Erde bringen
  • Im Frühling die Erde feucht halten

Pfirsichkerne keimen, wie die Samen aller Steinobstarten und zahlreicher anderer Gehölze, erst nach längerer Kälteeinwirkung. So wird verhindert, dass die Keimlinge bereits im Herbst erscheinen und dann im Winter erfrieren. Die Aussaat muss also entweder im Herbst/Winter erfolgen oder die Wintertemperaturen müssen künstlich unter mehr oder weniger kontrollierten Bedingungen simuliert werden (sogenannte Stratifikation). Dies kann beispielsweise erreicht werden, indem man die Steine in angefeuchtetem Sand für mindestens 4 Wochen in den Kühlschrank  oder während des Winters in den Erdkeller stellt (0-5 C°).

Die Steine wurden in unserer Anzucht rund mittelfingertief in durchlässige Erde gesteckt; Staunässe ist für die Keimlinge verheerend und führt zu Wurzelfäule. Haben wir von derselben Herkunft zahlreiche Steine erhalten, wurden diese direkt in Freilandbeeten ausgebracht. Bei kleinen Mengen haben wir die Kerne vorsichtshalber in Töpfen ausgesät, denn Mäuse schätzen die hartschaligen Kerne, verschleppen sie und legen manchmal ganze Lager davon an. Intelligente Rabenvögel wie Häher oder Krähen sind gewiefte und neugierige Beobachter – und Nimmersatte. Die Aussaaten und Aktivitäten der Tiere sollten beobachtet und nötigenfalls entsprechende Schutzvorrichtungen installiert werden. Sollen die Jungpflanzen ein bis zwei Jahre in den Saattöpfen bleiben, müssen diese wegen der Pfahlwurzel der Pfirsichpflanzen tief genug sein (mind. 20 cm). Im Frühling, wenn die Temperaturen steigen, sollten die Aussaatgefässe feucht, aber nicht nass gehalten werden. Wenn aus einem Drittel der Kerne kleine Bäumchen werden, ist dies keine schlechte Erfolgsquote.

Aufruf zur Baumpflanzung im Weinberg

Nun sind alle interessierten Winzer in der Schweiz herzlich eingeladen, sich bei uns (www.delinat-institut.org) mit Adresse und Telefonnummer anzumelden. Sie werden dann im Herbst 2010 oder Frühjahr 2011 einen Jungbaum zugeschickt bekommen. Dieser ist ein Geschenk im Namen des Delinat-Instituts und  Pro Specie Rara und steht für eine vielfältige Kulturlandschaft. Einzig für die Versandkosten müssten die Empfänger aufkommen.

Weitere seltene Biobäume und Sträucher für Ihren Weinberg erhalten Sie u.a. in der Naturbaumschule Wenger (wenger.natur@bluewin.ch)

Aussaat von Weinbergspfirsichen für 1000 Winzer, 4.6 out of 5 based on 9 ratings

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7 Antworten zu “Aussaat von Weinbergspfirsichen für 1000 Winzer””

  1. Ernst Sonderegger
    Titel: Pfirsiche und Wespen

    Liebe(r) LeserIn, was halten Sie von der Aussage eines Rebbauern, dass er die “Weinbergpfirsich-Idee” nicht gut fände, da Pfirsiche Wespen anziehen und dieselben im Rebberg ja nicht gerne gesehen und “bekämpft” würden.

    Mit herzlichen Grüssen und den besten Wünschen an “Macher” und Leser des ithaka-Journals (und das ganze Delinat-Team)

    Ernst Sonderegger

  2. gottfried
    Titel:

    Hallo!

    Gibt es noch Kerne – ich würde gerne am Projekt teilnehmen!?

    mfg aus österreich
    Gottfried

  3. hps
    Titel:

    Ja, es gibt auch noch Kerne, die wir gern auch versenden, so dass Sie diese an Ort und Stelle im Weinberg ausbringen können.
    Gruss, hps

  4. GUERRA-SCHILLIG Ursula
    Titel:

    sehr interessant Ihren Bericht über Weinbergpfirsich
    wir haben diesen Baum schon über 10 Jare in unserem
    Garten, diese Frucht ist fabelhaft zum einmachen und
    für gute Konfitüre die einen Genuss wie Honig hat
    viele Grüsse Ursula Guerra

  5. hps
    Titel:

    In einem Weinberg mit hoher Biodiversität sind Wespen eigentlich kein Problem, da sie sich bevorzugt von proteinreicherer Nahrung, spricht Insekten, ernähren und von denen gibt es in einem vielfältig begrünten Weinberg stets genug, so dass sich die Wespen kaum an den Trauben vergreifen. Und wenn sie sich an einigen heruntergefallenen Pfirsichen gütlich tun, so bedeutet das nicht, dass sie einen Monat später wiederkommen, um sich über die Trauben herzumachen. Unsere Beobachtung und auch die der alten Winzergeneration läßt jedenfalls keine Probleme befürchten.

  6. Iris
    Titel: kein Problem

    würde ich aus jahrelanger Erfahrung sagen. Weinbergpfirsische gibt es bei uns an verschiedenen Standpunkten im Weinberg – alle spontan gewachsen. Und die Fresschäden der Wespen und Hornissen im Spätherbst sind in ihrer Nähe nicht größer, als auf den Parzellen, auf denen keine Bäume wachsen – eher jeweils klimaabhängig…

    Viel Glück für die Aktion!

  7. Christel
    Titel:

    Auch ich habe Euch ein solches “Steinpäckchen” aus dem Kaiserstuhl in Südbaden zukommen lassen. Außerdem habe ich schon ein zweites Pfirsichbäumchen etwa im Vierten Jahr mit inzwischen eta 160 cm. Wie lange es wohl dauern wird bis es zum ersten Mal erblühen wird … ?

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