Bäume inmitten der Reblandschaft


von Claudio Niggli

In einer sonst eintönigen und ausgeräumten Monokultur zieht ein einzeln stehender Baum den Blick des Betrachters sofort auf sich und lässt das Auge ruhen. Eine strukturierte Landschaft ist nicht nur für das ästhetische Empfinden des Menschen wohltuend, sondern bietet unzähligen Tieren wichtigen  Lebensraum. Bäume und Sträucher, welche sich über die Rebkulturen erheben, locken von weit her verschiedene Insekten und Vögel an. Auf dem Weg zu einem vielfältigen und artenreichen Ökosystem Weinberg kann ein Winzer mit wenig Aufwand einen Beitrag zur Erhöhung der Strukturvielfalt leisten. Mit dem Anlegen von Hecken, Gebüschen, Begleitkulturen sowie Stein- und Asthaufen schaffen wir wertvolle Nischen für andere Lebewesen und erhöhen die Biodiversität nachhaltig.

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nussbaum2Das Ordnungsdenken der modernen westlichen Zivilisation verlangt nach peinlicher, gleichmässiger Sauberkeit in den vom Mensch genutzten Räumen. Die in Mitteleuropa übliche Praxis der Flurbereinigung hat dazu geführt, dass die Strukturvielfalt in der Kulturlandschaft stark abgenommen hat. Kulturfremde, aber ökologisch sehr wertvolle Dickichte und einzelne Bäume oder Sträucher werden systematisch ausgemerzt, wobei allzu oft zwanghafte Prinzipien wirken, anstatt der Situation angepasste, praktische Beurteilung. Sogar in Saumbereichen, wo die Pflege der Kulturen nicht tangiert wird, empfinden viele Leute einen toten Baum oder einen Asthaufen als störend und auch spontaner Pflanzenwuchs wird sofort bekämpft – ob es sich um schöne Wildblumen oder tatsächlich Problem-Unkräuter handelt, interessiert niemanden. Dabei sind beispielsweise Asthaufen ideales Habitat für Kleinsäuger wie Igel, aber auch für unzählige Insekten. Die Larven von vielen Käfer- und Wildbienenarten entwickeln sich nur in Totholz. So macht es durchaus auch Sinn, sterbende oder tote Bäume in kaum von Menschen frequentierten Bereichen stehen zu lassen. Die Höhlenbrüter unter den Vögeln sind von Astlöchern als Nistgelegenheiten abhängig und Spechte, aber auch andere Insektenfresser profitieren von einem reich gedeckten Tisch. Stein- und Asthaufen sind als Rückzugsmöglichkeit und Kinderstube für Reptilien wie Eidechsen und Schlangen, aber auch als Biotop für Insekten und Spinnen besonders wertvoll.

Die Strukturvielfalt ist ein wichtiges Kriterium zur Bewertung von Lebensräumen und eng mit der Biodiversität verknüpft, denn strukturreiche Biotope bieten vielen Lebewesen einen potentiellen Lebensraum. Da Tiere aus angrenzenden Waldrändern, Wiesen und Brachflächen in den Weinberg einwandern können, steigt die Artenvielfalt mit einer Zunahme der strukturellen Vielfalt. Zugleich ist durch eine hohe Artenzahl von Pflanzen mit unterschiedlichen Wuchsformen zwangsläufig eine grössere strukturelle Vielfalt gegeben – in den allermeisten Ökosystemen beeinflussen sich also Strukturvielfalt und Biodiversität gegenseitig. Intensive Monokulturen in Feld und Wald zeigen nicht nur eine geringe Artenvielfalt, sondern sind in der Vertikalen und Horizontalen auch sehr strukturarm, denn der ganze Bestand besteht ja aus Pflanzen derselben Wuchsform. Die einzelnen Individuen unterscheiden sich nur minimal im Aufbau; Eigenschaften wie Wuchshöhe, Blattform, Verzweigungsmuster sind praktisch identisch.

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Sanddornbusch am Beginn einer Rebzeile

Unter vertikaler Diversität versteht man die Vielfalt in der Schichtungsstruktur eines Lebensraumes von der Bodenoberfläche bis zum höchsten Punkt (z.B. höchster Baumwipfel). Tropische Regenwälder mit ihrem ausgeprägten Stockwerkbau sind das Paradebeispiel für eine Vegetationsform mit sehr hoher vertikaler Diversität. Ein unbegrünter, konventioneller Rebberg ist dagegen strukturarm, da alle Kulturpflanzen der gleichen Art angehören und zudem zur einfacheren Pflege nach demselben System erzogen werden. Mit einer vielseitigen Krautschicht durch Begrünung und Sekundärkulturen mit verschiedenen Nutzpflanzen zwischen den Zeilen lässt sich diese Gleichmässigkeit der Kulturflächen in der Vertikalen (aber auch Horizontalen) durchbrechen. Besonders auch einzeln stehende Bäume und Sträucher bringen inmitten oder am Rand der Kulturflächen wertvolle Strukturvielfalt. Da an Rebzeilenenden keine Kulturfläche verloren geht und die Arbeit zwischen den Reben nicht tangiert wird, sollten hier jeweils Sträucher gepflanzt werden (möglichst einheimische Arten). Geeignete Beerensträucher oder Obstbäume erhöhen nicht nur die strukturelle Vielflat, sondern liefern schmackhafte Produkte.

blasenstrauch1Einzeln stehende, inmitten der Kulturflächen gepflanzte Bäume sind besonders wertvoll, da sie von weit her sicht- und riechbar sind. Besonders für Vögel und Insekten bilden sie einen scheinbar magischen Anziehungspunkt und werden gerade in der Blütezeit von zahllosen Besuchern bestürmt. Aus öko-agronomischer Sicht wird so ein sehr wichtiges Ziel erreicht: die Biodiversität steigt in den Kernbereichen der Kulturflächen vergleichsweise schnell und stark an, eine effiziente Schädlingskontrolle durch Nützlinge und Konkurrenz wird gefördert.

Hecken, Gesträuche und Bäume dienen vielen Vogelarten als Nisthabitate, bieten ihnen als Verstecke Schutz vor Räubern und sind aufgrund der Insektenvielfalt hervorragende Jagdgründe (siehe: Liste geeigneter Sträucher im Weinberge). Durch hohe Sitzstangen können Raubvögel angezogen und gefördert werden, welche in landwirtschaftlichen Kulturen Schädlinge wie Mäuse regulieren. Mit dem Pflanzen von einheimischen Sträuchern wird nicht nur die Strukturvielfalt erhöht, sondern auch Nahrungsgrundlage für viele Schmetterlingsraupen geschaffen.

Die vertikale Diversität hat zudem einen positiven Einfluss auf die Mikroorganismenvielfalt des Rebberges. Mit dem Wind werden riesige Mengen von Luftplankton verfrachtet. Hierzu gehören alle Lebewesen, welche sich passiv, das heisst ohne Energieaufwand durch Winde und Luftströme bewegen, also Bakterien, Pilzsporen, Pflanzensamen oder auch winzige Spinnen am seidenen Faden („Ballooning”). Wir glauben, dass besonders Gehölze, welche die Rebkulturen überragen, als Anziehungspunkt fungieren können, von wo aus sich wilde Hefen und Bakterien weiter im Weinberg verbreiten können. Für die Spontanvergärung bei der Produktion von natürlichen, authentischen Weinen sind die natürlicherweise gegebenen Hefegemeinschaften von grosser Bedeutung. Hefen beeinflussen den Geschmack des Endproduktes durch die unterschiedlichen biochemischen Umsetzungsprozesse bei der Vergärung.

Eine vielseitige Mikroorganismen- gemeinschaft im Weinberg sollte zudem die Wahrscheinlichkeit verringern, dass sich schädliche Organismen wie der Falsche Mehltau schnell in den Rebkulturen ausbreiten können. Strukturelle Aufwertungen wie Hecken oder hochwüchsige Sekundärkulturen (z.B. Himbeeren) könnten zudem als Bremse, als mechanisches Hindernis für die Sporen von pathogenen, also schädlichen Pilzen sein.

In den Rebbergen des Delinat-Instituts wird die Vielseitigkeit der Kulturflächen aktiv gefördert. Hecken, Sträucher und Bäume sowie Sekundärkulturen, Begrünung und Ausgleichsflächen erhöhen die vertikale Vielfalt des Pflanzenbewuchses. Mit Nisthilfen für Wildbienen, Wurzel- und Asthaufen, Steinbeigen und Sitzstangen wird diese Vielfalt zusätzlich durch unbelebte Materie von unterschiedlicher Struktur und Beschaffenheit erhöht.

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