Das Zeitalter der Dummheit – ein zweiter Blick


von Tim Caspar Boehme

Was kann ein Film gegen den Klimawandel bewirken? Soll er Konsumenten aufklären oder mit allen Mitteln wachrütteln, um sie zum Handeln zu bewegen? Regisseurin Franny Armstrong wählt mit ihrer Dokumentation aus der Zukunft, „The Age of Stupid“, einen Mittelweg. Eindrücke zur deutschen Kinopremiere.

Die Ölpest im Golf von Mexiko ist eine tägliche Mahnung: Mit der Ausbeutung von nichterneuerbaren Ressourcen als Energiequelle kann es so nicht weitergehen. Dabei sind die deutlich sichtbaren Gefahren der Tiefseebohrung lediglich ein Aspekt des Problems. Klimafreundliche Alternativen zu den knappen fossilen Brennstoffen werden nötiger denn je. Zugleich muss noch stärker am Energieverbrauch gespart werden. „Warum tun wir nichts?“ – so fragt die deutsche Version von Franny Armstrongs Klimawandel-Dokudrama „The Age of Stupid“ gleich im Titel. Die Frage lässt sich auf zwei Arten verstehen: Einerseits wird hier nach den Gründen für die große Tatenlosigkeit im Angesicht globaler Bedrohungen gefragt, andererseits kann man das Warum auch rhetorisch verstehen, als Imperativ mit empörtem Fragezeichen: Tut endlich was!

Franny Armstrong will mit ihrem Film anscheinend beides erreichen. Wie im vergangenen Jahr im Ithaka-Journal schon vorgestellt (siehe hier), wählte die britische Dokumentarfilmerin Protagonisten auf der ganzen Welt, die sie mit der Kamera begleitete. Da ist der stoische französische Bergführer Fernand Parau, der Touristen über die abschmelzenden Gletscher begleitet und dabei stets auf die einstige Höhe der Eismassen hinweist. Oder wir sehen den englischen Windfarmenentwickler Piers Guy, wie er mit seiner Familie für den Bau eines Windparks in seiner Gemeinde in Cornwall kämpft und am Widerstand der Nachbarn scheitert, die eine Einschränkung der Sicht fürchten.

Auf der anderen Seite gibt es den indischen Unternehmer Jeh Wadia mit dem Projekt, eine Billigfluglinie zu gründen, um seinen Landsleuten eine günstige und komfortable Alternative zu den langsamen und ständig überfüllten Zügen zu bieten. Oder Layefa Malemi aus Nigeria, die Medizin studieren will, um dem Elend ihres Heimatdorfs zu entkommen. Für ihren Lebensunterhalt hat sie bisher Fische gefangen. Doch der Shell-Konzern hat die Umwelt in ihrer Region so sehr zerstört, dass die Fische langsam ausbleiben und völlig ölverschmiert gefangen werden. Es ist eine bittere Ironie, dass Layefa seither mit Diesel handelt, um ihren Traum zu verwirklichen.

Die Schicksale dieser über den Globus verstreuten Menschen sind zwar durch den Klimawandel verbunden, doch bis auf wenige Ausnahmen kreuzen sich ihre Wege im Film nie. Um ihr Thema verständlich zu erzählen, hat Franny Armstrong daher einen fiktiven Rahmen gewählt. Der Film spielt im Jahr 2055. Im arktischen Meer, in dem ringsum kein Eis mehr zu sehen ist, steht ein riesiger bohrinselähnlicher Turm, das „Archiv der Menschheit“. Ein Archivar, gespielt vom britischen Schauspieler Pete Postlethwaite, sitzt als einer der letzten Überlebenden der Menschheit vor einem Computer und sammelt Nachrichten aus der Vergangenheit, also unserer Gegenwart. Beim Stöbern „stößt“ er auch auf die Dokumentaraufnahmen mit den verschiedenen Protagonisten.

Was den Film stark macht, sind die ruhig erzählten Dokumentargeschichten, die den größten Teil von „The Age of Stupid“ ausmachen und oft bewegende Schicksale zeigen. So folgt der Zuschauer zwei irakischen Kindern, deren Eltern von amerikanischen Soldaten getötet wurden, die aber gleichwohl ihren Lebensunterhalt mit dem Reparieren und Verkaufen abgelegter Schuhe von Amerikanern bestreiten. Diese starken Szenen brauchen überhaupt keinen fiktiven Rahmen, um zu wirken.


Interview mit Fanny Armstrong auf Englisch

Doch Armstrong versucht immer wieder, theoretische Hintergründe durch kurze Animationsfilme zu erklären, in denen unter anderem der Zusammenhang zwischen Ölförderung und Krieg verdeutlicht wird. Leider geschieht dies mit den gleichen populistisch zugespitzten Mitteln, mit denen zum Beispiel auch Michael Moore seine Filme bestreitet. Und auch wenn Postlethwaite den fiktiven Parts im Archiv mit seinem zurückhaltenden Spiel und seiner knorrigen Erscheinung ein wenig von der Plakativität des Szenarios nimmt, wirkt dieser Rahmen dennoch sehr aufgesetzt suggestiv. Wenn dann gegen Ende des Films im Zeitraffer die Entwicklung von heute bis zur Katastrophe 2055 in einer dramatischen Sequenz angedeutet wird, hat man lange nicht mehr den Eindruck, in einem Film zu sitzen, der seine Zuschauer ernsthaft aufklären möchte.

Was schade ist, denn das Thema ist nicht nur ernst, es polarisiert auch nach wie vor. (Die Diskussion zur Ithaka-Ankündigung des Films im vergangenen Jahr bestätigt dies sehr anschaulich.) Trotz aller bisherigen Anzeichen und des breiten wissenschaftlichen Konsenses, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt, mehren sich zugleich die Klimaskeptiker. Mit der Kritik an der Informationspolitik des Weltklimarats wurde die Debatte in den vergangenen Monaten zusätzlich angefeuert. Der Ernst der Lage rechtfertigt aber weder Arroganz auf der einen noch Polemik auf der anderen Seite. Tatsächlich wären Nüchternheit und sachliche Information der beste Weg, andere zum Handeln zu motivieren. Hätte Armstrong einen weniger agitatorischen Rahmen für ihre Geschichten gewählt, wäre ihr vermutlich ein bewegender und zugleich aufklärerischer Film geglückt. So überwiegt der missionarische Eifer, der die Skeptiker eher abgeschreckt als überzeugen dürfte.

Überzeugender ist da die von Franny Armstrong und der Produzentin Lizzie Gillet in diesem Jahr initiierte Kampagne 10:10 zur CO2- Reduktion. Ihre Ziele sind hoch gesteckt, nach ihrer Vorstellung soll 2010 als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem die Menschheit die Konsequenzen aus dem drohenden Klimawandel gezogen hat. Wer sich dieser Kampagne anschließen möchte, verpflichtet sich freiwillig zur Emissions-Reduzierung. Zudem kann man als Spender oder Sponsor das Projekt finanziell fördern. Schon jetzt beteiligen sich 80000 Menschen an der Kampagne, aber auch Bildungseinrichtungen und Unternehmen gehören zu den Unterstützern. Was man auch an Armstrongs Film aussetzen mag, man kann ihr nicht vorwerfen, sie täte nichts.

Zur Teilnahme an der Kampagne 10:10 siehe hier

Das Zeitalter der Dummheit - ein zweiter Blick, 4.8 out of 5 based on 4 ratings

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Eine Antwort zu “Das Zeitalter der Dummheit – ein zweiter Blick””

  1. Heiko
    Titel: Klima-Agric

    Hallo. Bin sehr angetan von Eurer Aufklaerungs Arbeit. Habe mich aus dem Mining Consulting zurueckgezogen, wegen der idiotischen Anwendung von Quecksilber im Small Scale Goldmining in Ghana. Starte mit Freunden 200 acr Gemuese Farm u.finde Eure Arbeit superfein. Bringt mir bitte mehr Information, somit kann ich evtl. auch mitwirken an Euren Forschungen. Will nur Biogemuese farmen, Bohrdrill haben wir letzte Wo getan. Gutes Wasser, gutes Gemuese, gesunde Kundschaft. Wenn Ihr bitte uns auch als Volunteer Freunde schicken wollt, sind wir dankbar. Wir eine NGO (CCA) fuer RUAL Development u. Ausbildung. Viele Programme sind bei uns frei. ICTcourse pro Monat $46,- Law training 6mon. $ 200,- Wir haben ein 2. Farmproj. 800acr. Wir wollen Morenga + Teakbaum als Grenze anlegen. Bitte gibt uns Lehrer fuer Course in RUAL aereas. Danke Heiko Project Developer.My Handy 00233.20-5395302

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