Die Biokohle Debatte


von Tim Caspar Boehme

In der britischen Zeitung The Guardian polemisierte der Journalist George Monbiot Ende März 2009 gegen Biokohle als neues Wundermittel. Monbiot, der selbst Umweltaktivist und Globalisierungskritiker ist, rief damit eine Reihe sehr vernünftiger Gegenkommentare hervor, die sowohl die Chancen als auch die Grenzen der Biokohle deutlicher erkennen lassen.

Der britische Guardian profiliert sich immer stärker als weltweit führende Tageszeitung im Kampf gegen Klimawandel und Umweltzerstörung. Ende März gelang dem Guardian ein enormer medialer Coup, als er den angesehenen Umweltaktivisten George Monbiot gegen den Einsatz von Biokohle polemisieren ließ. Der Artikel war weder allzu gut recherchiert noch zeugten die Argumente wirklich von Verständnis der Sache, aber die Aufregung, die er bei den Verfechtern der Biokohle erregte und die Gegendarstellungen, die der Guardian in den folgenden Tagen druckte, brachte das Thema mit Nachdruck in die Öffentlichkeit.

Monbiot fürchtet, die Befürworter von Biokohle wollten große Teile der Fläche des Planeten in Biokohle-Plantagen umwandeln. Dem Klimaexperten Chris Goodall hält er vor, 200 Millionen Hektar Wälder, Savannen und Ackerland diesem Zweck opfern zu wollen und meldet zu Recht ökologische Bedenken an. Für weit schlimmer hält er allerdings die Pläne der Firma Carbonscape, nach deren Vorstellungen 930 Millionen Hektar Fläche als Plantagen genutzt werden sollen. Carbonscape zählt zu den ersten Firmen mit kommerziellem Interesse an Biokohle. Wie Monbiot vorrechnet, betragen die landwirtschaftlichen Nutzflächen des Planeten derzeit 136o Millionen Hektar. Würde man also das Ackerland zur Biokohle-Gewinnung beforsten, wäre dem Klima nur um den Preis des sofortigen Hungertods der Menschheit geholfen. Wie viele Menschen einen solchen Plan tatsächlich ernsthaft verfolgen würden, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Doch auch weniger drastisch anmutende Visionen kommen bei dem mit scharfer Feder stechenden Biokohle-Kritiker nicht gut weg. Goodalls Vorschlag, natürliche Waldflächen wie den Regenwald mit schnell wachsenden Bäumen anzureichern, um auf diese Weise Tier- und Pflanzenvielfalt zu erhöhen, erklärt Monbiot mit Grund für schlichtweg naiv. Alle Untersuchungen auf diesem Gebiet hätten bisher ergeben, dass Strategien dieser Art auf die Umwelt einen ähnlichen Effekt haben wie Monokulturen und die Biodiversität einschränken, statt sie zu fördern.

Dieser Einwand Monbiots ist schwerwiegend. Eine industrielle Erzeugung von Biokohle durch das Anpflanzen kann kaum der richtige Weg sein, die Vielfalt des Lebens auf dem Planeten dauerhaft zu erhalten. Allerdings hat Monbiot auch grundsätzliche Zweifel an der Effektivität von Biokohle. Er beruft sich dabei auf Almuth Ernsting und Rachel Smolker von der Organisation Biofuel Watch. In ihrem Beitrag „Biochar for Climate Change Mitigation: Fact or Fiction?” äußern sich die Autoren sehr kritisch zur Möglichkeit, den Klimawandel durch Biokohle zu beeinflussen. Selbst der positive Einfluss auf Ackerböden wird stark relativiert. Nicht in allen Fällen fördere Biokohle im Boden das Pflanzenwachstum, manchmal unterdrücke sie es sogar. Ernsting und Smolker mahnen daher zur Zurückhaltung beim bedenkenlosen Einsatz von Biokohle in der Landwirtschaft, da die Komplexität des Zusammenspiels von Bodenorganismen noch nicht hinreichend bekannt sei.

Monbiot räumt indes ein, dass Biokohle auch ihre Vorzüge haben kann. Wie er am Ende seines Artikels erwähnt, kann es durchaus sinnvoll sein, die Kohle im kleinen Maßstab dort zu produzieren, wo das organische Material andernfalls vor sich hin verrotten würde. Er zerstreut hingegen sehr entschieden etwaige Hoffnungen auf Biokohle als neues Wundermittel und plädiert vehement gegen den naiven Glauben an einfache Lösungen.

Monbiots Skepsis gegenüber der Allheilmittelfunktion von Biokohle ist sicherlich angebracht. Die Frage ist jedoch, ob die Fraktion der Wundergläubigen wirklich so groß ist, wie er unterstellt. Mehrere der von Monbiot attackierten Autoren reagierten in der Zwischenzeit mit Richtigstellungen, die den Eindruck erwecken, der engagierte Journalist sei durchaus bereit, so manches Faktum der treffenden Pointe wenn nicht zu opfern, so doch unterzuordnen.

Der Wissenschaftler James Lovelock stimmt Monbiot darin zu, dass es Unsinn wäre, eigens Plantagen zu errichten, um Rohstoffe für Biokohle anzubauen. Er unterstreicht dafür umso deutlicher, dass die Gewinnung von Biokohle aus Landwirtschaftsabfällen einen sinnvollen Beitrag zur CO2-Reduzierung leisten kann. Die von Monbiot ebenfalls zu Leichtgläubigen erklärten Geoforscher Pushker Kharecha und Jim Hansen stellen in ihrer Antwort klar, dass der Anteil von Biokohle an Karbonsenken eher gering ist und man bei Biokraftstoffen aller Art, Biokohle eingeschlossen, sehr genau auf die Unwägbarkeiten achten müsse – nichts anderes hätten sie in ihren wissenschaftlichen Veröffentlichungen behauptet.

Der Autor Goodall gesteht ein, dass die von ihm vorgestellten Zahlen für die Flächen zur Biokohlegewinnung etwas hoch gegriffen seien. Das sei aber noch kein Grund, die anderen Vorzüge von Biokohle ebenfalls von der Hand zu weisen, wie Monbiot es tue. Sowohl die Bodenverbesserung als auch die Reduzierung der Emissionen von Stickstoffoxid und Methan durch die Böden seien ernst zu nehmende positive Eigenschaften von Biokohle. Man könne zwar nicht leugnen, dass die Forschung hier erst am Anfang stehe. Doch gerade darum versteht Goodall nicht, weshalb Monbiot meint, vorschnell auf mögliche positive wissenschaftliche Ergebnisse verzichten zu müssen.

Monbiots Polemik hat – bei aller zum Ausdruck gebrachten Skepsis – den eindeutig positiven Effekt, dem Thema Biokohle zu größerer Öffentlichkeit zu verhelfen. Und es ist nur richtig, wenn er zu Nüchternheit mahnt. Ob es eine dauerhaft effektive Strategie gibt, um CO2-Emissionen und Klimawandel einzuhegen, kann niemand mit Gewissheit sagen. Glaube an Wunder hilft hier wenig. Der experimentellen Forschung mit Biokohle sollte dies keinen Abbruch tun.

Am 6. April veröffentlichte die Global Civil Society einen Aufruf von 147 Organisationen aus 44 Ländern gegen die großflächige Biokohle-Nutzung als Lösung gegen den Klimawandel. Leider gehen auch in diesem Aufruf die Argumente ein wenig durcheinander und die Angst treibt zu überspitzten und falschen Äußerungen, aber die Furcht, dass multinationale Konzerne sich die Böden der Entwicklungsländer aneignen, um dort in industriellem Maßstab Biokohle herzustellen, zu vergraben und als CO2-Zertifikate zu verkaufen, hat alle Berechtigung.

Die Argentinierin Stella Semino schreibt in der Deklaration: “Die Idee, dass Holzkohle den brennenden Planeten retten könne, ist absurd. Einige Biokohle-Befürworter fordern derart unvorstellbare Mengen an Biokohle, dass mehr als 500 Millionen Hektar industrieller Baum- und Getreideproduktion erforderlich würden. Wir wissen längst, dass industrielle Land- und Forstwirtschaft zu den größten Schuldner für den Klimawandel gehören, für Landflucht sorgen und die Biodiversität schwinden lassen. Wir müssen das Ökosystem schützen, nicht riesige neue Monokulturen anlegen, um sie anschließend zu verbrennen.”

Weder Biochar Europe noch Delinat, weder James Lovelock noch Chris Goodall, um nur einige der bekanntesten Befürworter zu nennen, würden dem auch nur im Mindesten widersprechen, basiert deren Ansatz doch gerade auf dem Konzept des so genannten Klimafarmings. Beim Klimafarming werden Sekundärkulturen und ökologische Ausgleichsflächen angelegt, um Monokulturen zu verhindern und die auf diesen Flächen anfallende Biomasse sowie die anderen landwirtschaftlichen Restprodukte zur Herstellung von Biokohle, Kompost und Energie zu nutzen. Klimafarming ist sowohl dem Schutz der Biodiversität als auch dem Landschaftsschutz verpflichtet. Zur Produktion von Energiepflanzen dürfen keine Pestizide, keine synthetischen Dünger und keine genmodifizierten Pflanzen eingesetzt werden (für nähere Informationen siehe hier).

Ein weitere Gefahr sieht der Aufruf der Global Civil Society darin, dass zahlreiche Patente für die Herstellung und Nutzung der Biokohle angemeldet wurden. Sollten diese zugeteilt werden, würde dies bedeuten, dass die künftigen Profite an dieser Technologie in die Taschen der Unternehmen und nicht in die der Gemeinden fließen.

Die Pyrolyse gehört zu den ältesten Technologien der Menschheitsgeschichte und entfällt als solche jeglichem Patentschutz. Bestimmte Details moderner Anlagen sind patentrechtlich geschützt, aber insofern das Grundprinzip allgemein verfügbar ist, kann im Grunde jeder seine eigene Anlage bauen. Was den Einsatz von Biokohle als Bodenverbesserer und Schadstofffilter betrifft, so sorgen frühzeitige Veröffentlichungen von Wissenschaftlern und Instituten für die Verhinderung patentrechtlicher Ansprüche. Eben aus diesem Grund gehört es auch zum Prinzip des von Delinat ins Leben gerufenen Biokohle-Netzwerkes, bereits frühzeitig die Resultate der Forschungen und zum Teil auch nur deren Hypothesen zu veröffentlichen. Ein Beispiel dafür sind unsere Veröffentlichungen auf Ithaka über die Aktivierung von Komposten durch Zusatz von Biokohle. [die Folgen der Biopiraterie besorgen uns gleichwohl und wir unterstützen uneingeschränkt die Initiative "Kein Patent auf Leben"]

Mit der Ausarbeitung des Klimafarming Konzeptes engagiert sich Delinat und ihre Forschungspartner für den Kampf gegen die eigentlichen Ursachen des Klimawandels: Verbrennung fossiler Brennstoffe, Zerstörung von Ökosystemen, Abholzung von Wäldern, Bodenzerstörung durch industrielle Landwirtschaft sowie die massenhafte Erzeugung toxischer Industrie- und Konsumabfälle.

Weitere Ithaka-Artikel über Biokohle und Klimafarming finden Sie hier:

http://www.ithaka-journal.net/inhalt/klimafarming

Den Originalartikel von George Monbiot im Guardian finden Sie hier:

http://www.guardian.co.uk/environment/2009/mar/24/george-monbiot-climate-change-biochar

und hier die Gegendarstellungen von James Lovelock, Pushjer Kharecha, Jim Hansen, Chris Goodall:

http://www.guardian.co.uk/environment/2009/mar/24/biochar-earth-c02

http://www.guardian.co.uk/environment/2009/mar/25/hansen-biochar-monbiot-response

http://www.guardian.co.uk/environment/cif-green/2009/mar/24/response-biochar-chris-goodall

Und hier die Antwort von George Monbiot, in der er unter anderem sagt: “By all means, as Hansen and Kharecha recommend, let’s use genuine waste – whether from crops, forestry, sewage or food – to make biochar. But let’s stop the charleaders from pyrolising the planet in the name of saving it.”:

http://www.guardian.co.uk/environment/georgemonbiot/2009/mar/27/biochar-monbiot-global-warming

Hier die Deklaration der Global Civil Society:

http://www.regenwald.org/international/englisch/news.php?id=1226

In folgendem Kurzfilm der BBC zeigt Bruno Glaser die Wirksamkeit von Biokohle – Kompost Mischungen:

http://news.bbc.co.uk/1/hi/sci/tech/7941852.stm

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