Ehre die Traube, vertrau der Natur II


von Jason Lett im Interview mit Ken Payton

Ken Payton: Was sind Ihre frühesten Erinnerungen an die Arbeit im Weinberg mit ihrem Vater?

Jason Lett: Seit meinem dritten oder vierten Lebensjahr habe ich während der Weinlese oft die Nacht mit meinem Vater auf dem Weingut verbracht. Mein Vater benutzte damals eine handbetriebene Korbpresse, die man auseinander bauen musste, um den Presskuchen zu zerbrechen und dann weiter pressen zu können. Das geschah oft nach einem langen Tag der Lese, und das Pressen dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Ich machte beim „Arbeiten“ meist mehr verkehrt als richtig und stand üblicherweise im Weg herum, doch mein Vater gab mir stets das Gefühl, ich würde wirklich mithelfen.

Ken Payton: Welche Aufgaben hatten sie als Jugendlicher im Weinberg und auf dem Weingut?

Jason Lett: Auf dem Weingut war meine Lieblingsaufgabe das Unterstampfen des Tresterkuchens, bei der man die Schalen wieder im gärenden Most untertaucht. Es ist immer noch mein liebster Job, denn es ist der spürbarste Kontakt mit der Traube, sogar stärker noch als beim Weintrinken.

Ken Payton: Haben Sie sich schon immer für die Vinifizierung interessiert?

Jason Lett: Es war stets im Hintergrund präsent und hat mich immer fasziniert. Für mich war es jedoch immer die Sache meines Vaters. Als Jugendlicher ging ich dann stärker auf Distanz zum Weingut. In meiner Studentenzeit habe ich dennoch im Sommer im Weinberg gearbeitet und genug dabei verdient, um für eine Reise nach Europa zu sparen.

Ken Payton: Können Sie uns ein wenig über ihren ersten eigenen Wein erzählen?

Jason Lett: Da ich quasi zwischen den Reben aufgewachsen bin, hatte ich das Gefühl zu wissen, worum es beim Weinmachen geht, war der Sache gegenüber aber ziemlich ambivalent. Ich hatte Ökologie studiert – warum sollte ich Wein produzieren?

Doch ich hatte einen Freund, dem sowohl Weinberge als auch eine Weinkellerei gehörten, und er bot mir beide zur Pacht an, falls ich Wein herstellen wollte. Ich habe ihn fast ein Jahr lang vertröstet, doch er ließ einfach nicht locker. Er bot mir die vollständige Kontrolle und uneingeschränkten Zugang zu seinen Weinbergen an, ich durfte mir sogar die Reihen aussuchen, die ich vinifizieren wollte, und den Tag der Weinlese. In der Weinkellerei war es das gleiche – er ließ mich alles selbst entscheiden, von der Auswahl der Fässer bis zur Anweisung, wie die Schläuche zu waschen sind.

Es war eine wahrlich großzügige Geste, und die Erfahrung hat mich völlig verwandelt. Bei dem ersten Jahrgang mit seinen 66 Kisten wurde mir klar, dass Weinherstellen etwas vollkommen anderes ist, wenn man die Schläuche für seinen eigenen Wein zieht.

Wie sich herausstellte, umfasst Weinherstellung alles, was ich an der Ökologie liebe – das Erkennen des Wechselspiels von Pflanzen und Ort –, bloß kann man es viel direkter erfahren. Als Ökologe habe ich viel Zeit damit verbracht, verschiedene statistische Tests durchzugehen, um darunter den einen zu finden, der das Muster in den Daten vom bloßen Rauschen scheidet. Doch beim Weinherstellen macht es: Bumm! Das Muster ist offenkundig, es liegt direkt auf der Zunge.

Ken Payton: Alice Feiring schrieb damals über Ihren ersten Wein, er „habe den Mut, auch die Erde (und nicht nur die Frucht) durchschimmern zu lassen“. Wie denken Sie über Weinkritiker?

Jason Lett: Kritiker sagen manchmal nette und manchmal grausame Dinge. Wie auch immer, wenn man seine Sache liebt, macht man einfach weiter seinen Wein, ganz gleich, was die Kritiker sagen. Es hilft sehr, sich von seinen Reben leiten zu lassen, statt zu versuchen, einen bestimmten „Stil“ hinzubekommen. Wenn man den Jahrgang und die Lage zum Ausdruck bringt und die Weine rein hält, hat man seine Aufgabe erfüllt.

Ich habe unglaubliches Glück gehabt, dass ich meinen Vater zum Vorbild hatte. Er ist bei seiner Art des Weinherstellens sehr taoistisch – setze nie den Ausdruck des Weinbergs aufs Spiel. Vor allem brachte er mir bei, das eigene Ich aus der Sache herauszuhalten. Sobald man den Wein dazu verwendet, sich selbst ein Denkmal zu setzen, stirbt er ab und wird zum bloßen Getränk.

Ken Payton: Oregon spielt in Amerika die führende Rolle in der Ökologisierung des Weinbaus. Ihr berühmter Vater, David Lett, war auf diesem Gebiet ein Pionier, und Sie sind in seine Fußstapfen getreten. Wie kommt es, dass öko-freundliche Verfahren in Oregon so stark florieren?

Jason Lett: Die Werke von Rachel Carlson haben meinen Vater stark beeinflusst. Er kam mit dem Ziel nach Oregon, Trauben ohne giftige Chemikalien anzubauen, was damals ein ziemlich radikaler Schritt war.

Viele, die nach meinem Vater kamen, waren ebenfalls auf der Suche nach neuen Verfahren. Darum kamen sie nach Oregon. Wir begannen beim Weinbau quasi mit einem weißen Blatt Papier.

Ken Payton: War es vorherbestimmt, dass Sie eines Tages die Eyrie Vineyards übernehmen würden?

Jason Lett: Großer Gott, nein. Mein Vater liebt das Weinmachen viel zu sehr. Man konnte sich unmöglich vorstellen, dass er es abgeben würde, solange er noch eine Weinpresse bedienen kann. Eine Zeitlang dachte ich, dass ich meine eigenen Weine mache und er die seinen, darum war ich sehr überrascht, als er mich bat, als Winzer nach Hause zurückzukommen. Es brachte mich zu der tiefen, erschütternden Einsicht, dass wir beide altern.

Ken Payton: David „Papa Pinot“ ist ein sehr entschlossener Mann, ein Bilderstürmer und hervorragender Weinbauer. Auch wenn Sie sich zuvor schon als äußerst fähiger Weinbauer hatten behaupten können: War Ihnen ein bisschen mulmig zumute, als er sie 2005 darum bat, Winzer und Weinberg-Manager von Eyrie zu werden?

Jason Lett: Angst meinerseits gab es sicherlich. Bei meinem Vater vermutlich auch, doch er schafft es ganz gut, das zu verbergen. Er hat mich immer mit seiner Anerkennung für meine Arbeit auf Eyrie erstaunt, und ich nehme das Vermächtnis seines Ansatzes beim Weinbau sehr ernst – ehre die Traube, trau der Natur, nicht der Technik, halt dein Ego aus der Sache raus.

Ende 2006 stellte ich die Trauben für den 2005er Reserve-Pinot zusammen. Das ist ein Wein, der für einige Jahrzehnte in den besten Fässern der ältesten Weine reifen muss. Doch bei der Traubenmischung besteht die Möglichkeit, mit der Tönung zu spielen, von Erdbeere bis zu feuchter Erde. Ich ließ mir etwas ziemlich radikal Erdiges einfallen, doch mein Vater liebte ihn. Er ist ein wenig anders als die Reserve-Weine von früher, doch mein Vater erkannte, was ich da tat, und empfahl mir, damit weiterzumachen. Es war fantastisch.

Ken Payton: Die Eyrie Vineyards sind bisher kein ökologisch kontrollierter Weinbau, wurden aber stets nachhaltig bewirtschaftet. Warum keine Kontrolle?

Jason Lett: Die Kontrolle ist im Grunde die Lizenzierung einer Marke. Diese Marke dient dazu, einem die Arbeit abzunehmen und kommuniziert mit dem Käufer. Die Kontrollinstanz soll helfen, die Geschichte überzeugend rüberzubringen.

Wenn man dieses Etikett auf der Flasche hat, ist das eine Art Abkürzung, um den Leuten ganz direkt zu sagen, was man tut. Vieles von dem, was wir machen, ist unüblich – es gibt bei uns keine Bewässerung, kein Aufreißen oder Pflügen des Bodens, Dinge, die gemäß den Bio-Kontrollen gestattet sind, mit denen wir aber nicht unbedingt einverstanden sind.

Das soll nicht heißen, dass wir uns niemals kontrollieren lassen werden, doch wir wollen nicht mit einer Reihe von Verfahren in einen Topf geworfen werden, die wir nicht hundertprozentig akzeptieren. Sollten wir uns also kontrollieren lassen, müssten wir immer noch erklären, was uns einzigartig macht. Das hätte nicht viel Sinn, oder?

Ken Payton: Könnten Sie uns etwas dazu sagen, wie Eyries Weinberge gepflegt werden, wie Eyrie die Biodiversität erhält, zum Beispiel durch nutzbringende Insektenpopulationen oder Bodengesundheit?

Jason Lett: Hm, was an uns positiv ist, lässt sich am besten durch das Wort „nein“ ausdrücken. Keine Herbizide, keine Insektizide, keine Bewässerung, keine synthetischen Chemikalien. So machen wir es von Anfang an. Wir bearbeiten den Boden auf einzigartige Weise, es erwächst aus einer großen Bewunderung für schlichte Kriechtiere.

Der Boden ist etwas Lebendiges, das aus Schmutzpartikeln und den vielen Lebewesen besteht, die ihn zusammenhalten. Es ist ein empfindliches Gleichgewicht von Bakterien, Pilzen, Algen, Insekten und Pflanzen. Die mechanische Manipulation des Bodens bringt das Gleichgewicht durcheinander.

Grundsätzlich ist es so, dass wir einen Weinberg, sobald er aufgebaut ist (etwa acht Jahre nach der Pflanzung), nicht mehr pflügen. Wir mähen das Gras zwischen und unter den Reben, aber wir sehen ungern freiliegenden Dreck.

Weinstöcke sind stark von ihrem Verhältnis zu Bodenpilzen als Nährstofflieferanten abhängig. Pflügt man den Boden, ändert man damit das Gleichgewicht der Populationen und wirft so die ganze Balance über den Haufen. Das war mir schon früh klar.

Als ich zu Eyrie zurückkehrte, entnahm ich dem Boden eine Reihe von Nährstoffproben. Die Weinberge waren seit Jahren nicht gedüngt, und ich rechnete mit großen Mängeln. Als ich die Laborwerte zurückbekam, war ich fast schockiert: Alles war in Ordnung. Ich ging mit der Analyse zum örtlichen Experten für organische Ergänzungsstoffe (der zufällig auch Düngemittel verkauft), und er meinte, die Böden seien in Ordnung und bräuchten keine Zusätze.

Woher bekamen die Weinstöcke während dieser Jahrzehnte ihre Nährstoffe? Aus dem Boden, durch ihre engen Beziehungen zu den Bodenorganismen. Wir greifen also nur ganz behutsam ein.

Ken Payton: Haben Sie bei Eyrie in den vergangenen Jahren irgendwelche Veränderungen vorgenommen?

Jason Lett: Ich versuche nicht, irgendetwas bewusst zu verändern. Ich benutze dieselbe Ausrüstung, mit der ich aufgewachsen bin, stelle Wein aus denselben Weinstöcken her, mische ihn auf dieselbe Weise ab.

Dennoch sind Veränderungen nötig. Wein ist der Ausdruck einer Vielzahl winziger Details. Wie fest man einen Schlauch während des Abstichs einklemmt, kann Einfluss darauf haben, wie viel Sauerstoff der Wein beim Umfüllen aufnimmt und die Frucht zum Ausdruck kommt. Füllt man die Fässer alle 14 Tage auf, ergibt dies einen anderen Wein, als wenn man sie alle 10 Tage auffüllt. Die Summe dieser Entscheidungen ergibt zwangsläufig einen anderen Wein. Wird er besser oder schlechter? Das kann sich nur mit der Zeit herausstellen. Wenn ich genügend schlechte Entscheidungen treffe, keltert der Wein schlecht, wenn ich ausreichend gute Entscheidungen fälle, werde ich noch auf meine alten Tage 2007er Eyrie trinken.

Ken Payton ist Redakteur des kalifornischen Magazins Reign of Terroir, mit dem Ithaka öfters zusammenarbeitet.


Verwandte Beiträge


RSS-Feed für alle eingehenden Ithaka Kommentare abonnieren

Hinterlasse eine Antwort