Hat man je eine Revolution verordnen können?


von Karl Schefer im Interview mit Daniel Bach

Die Firma Delinat hat neue Bio-Richtlinien für Winzer erlassen. Es geht nicht mehr bloß um den Verzicht auf chemische Pestizide, sondern um die Förderung der biologischen Vielfalt, um stabile Ökosysteme und klimapositive Landwirtschaft. Doch läßt sich ein solch radikales Umdenken einfach durch Vorschriften verordnen? Delinat-Gründer Karl Schefer erläutert in einem Interview mit Daniel Bach seine Strategie und die Kunst der Motivation mit Argumenten der Natur.

Daniel Bach: Herr Schefer, 30 Jahre, nachdem Sie Delinat gegründet haben, rufen Sie die zweite Bio-Revolution aus? Warum gerade jetzt?

Delinat-Gründer Karl Schefer

Delinat-Gründer Karl Schefer

Karl Schefer: Eine gute Frage – man könnte ergänzen: warum nicht schon viel früher? Ich war lange optimistisch, dass wir die Kurve kriegen und sich die Bio-Pioniere vermehren und durchsetzen. Doch ich nehme das Gegenteil wahr: Bio verkommt immer mehr zu hartem Business. Wenn die Normen streng genug wären, könnte man sich darüber freuen. Doch genau hier öffnet sich die Schere: Je erfolgreicher der Bio-Markt, desto aufgeweichter werden die Bio-Richtlinien und ihre Umsetzung.

Daniel Bach: Nichts boomt so stark wie der Bio-Bereich. In allen Supermärkten und Detailläden gibt’s reihenweise Bio-Produkte, und die Konsumenten kaufen so viele davon wie noch nie. Sie möchten aber weiter gehen und fordern „echte ökologische Innovationen“, wie Sie in einem Brief an die Delinat-Winzer schreiben. Was ist denn nicht in Ordnung mit den Knospen-Produkten?

Karl Schefer:Jedes neue Knospe-Produkt bedeutet weniger chemische Pestizide. Und jedes eingesparte Milligramm an Pestiziden ist ein wichtiger Schritt zur Bewahrung unserer Umwelt. Doch es ist fatal und äußerst bedenklich, wenn Bio nur heißt, auf Chemie zu verzichten. Was hilft Industrie-Bio der Natur? Ökosysteme werden durch Monokulturen zerstört, da spielt es kaum eine Rolle, ob Krankheiten mit chemischen oder mit biologischen Giften bekämpft werden. Solange die Monokultur nicht als Ursache des Übels erkannt wird, geht die Zerstörung der Umwelt immer schneller, immer weiter voran.

Daniel Bach: Was ist schief gelaufen im Bio-Bereich?

Karl Schefer: Es hat kein Umdenken stattgefunden. Das Schema ist dasselbe geblieben: Es gibt böse Schädlinge, die bekämpft werden müssen. Beim konventionellen Anbau kam das Gift aus der chemischen Industrie, beim Bio-Anbau kommt es wie der Fliegenpilz aus der Natur. Giftig ist es trotzdem und nach der Ursache des Schädlings wird weiterhin nicht gefragt.

Daniel Bach: Wie kann die Bio-Bewegung ihre Vorreiterrolle und ihre Glaubwürdigkeit als Bewahrer unserer natürlichen Ressourcen behalten?

Karl Schefer: Es muss ganzheitlich gedacht und gehandelt werden. Monokulturen sind anfällig und fördern Resistenzen. Wer biologische Stabilität will, bekommt sie nur, wenn er die Biodiversität fördert. Erst wenn wir diesen ursprünglichen Bio-Gedanken wieder konsequent aufnehmen und umsetzen, wird die Bio-Landwirtschaft wirklich nachhaltig. Diese Thematik blenden die aktuellen Bio-Richtlinien völlig aus.

lebensraum

Rebberge müssen wieder Lebensräume werden

Daniel Bach: Mit der Biodiversitäts-Charta hat Delinat die Grundlage gelegt für eine ganz neue Qualität im Bio-Weinbau, nun haben Sie auch neue Richtlinien für Ihre Winzer erlassen. Auch diese orientieren sich stark an der Biodiversität, also dem Erhalt und der Förderung der biologischen Vielfalt. Aus der Überzeugung heraus, dass sich gesunde Ökosysteme selber regulieren und qualitativ hochwertige Produkte hervorbringen. Woher wissen Sie, dass diese Idee tatsächlich funktioniert?

Karl Schefer: Es gibt viele Beispiele dafür und Pioniere, die es vormachen. Doch es ist mir natürlich schon bewusst, dass jede Umstellung Risiken birgt. Daher haben wir auch das Delinat-Institut gegründet, das Methoden entwickelt und vergleicht und Winzer bei der Umsetzung berät und unterstützt.

Daniel Bach: Mit den neuen Delinat-Richtlinien verfolgen Sie ehrgeizige Ziele: bis 2015 soll die Hälfte der Winzer klimaneutral arbeiten und die biologische Vielfalt in den Weinbergen derart fördern, dass sie die Qualität ökologischer Ausgleichsflächen haben. Langfristig sollen dies alle Winzer tun. Ist das realistisch oder einfach eine schöne Vision?

Karl Schefer: Das meinen wir absolut ernst und nach dem Treffen mit 20 der wichtigsten Delinat-Winzer im März wissen wir, dass auch die Winzer hoch motiviert sind, diese Ziele zu erreichen.

Daniel Bach: Sie verlangen von ihren Winzern enorme Anstrengungen in allen Bereichen. Sie müssen ihre Weinberge begrünen, Bäume und Hecken für die Tiere pflanzen, dürfen keine schweren Maschinen mehr verwenden, keinen mineralischen Dünger ausbringen. Sogar bei der Vinifizierung und bei den Anstellungsbedingungen machen Sie ihnen Vorschriften. Wie waren die ersten Reaktionen?

Karl Schefer: Wir stülpen den Winzern ja nicht einfach ein Korsett von Regeln über, sondern begründen und motivieren. Die Richtlinien sind so formuliert, dass sie sich fast wie ein Buch lesen lassen. Sie sind richtig spannend, weil sie die natürlichen Zusammenhänge aufdecken und wirklich Verständnis für die anvisierten Maßnahmen wecken. Die Winzer erkennen, dass es ihren Weinbergen und Weinen zugute kommt, so dass kaum einer die Notwendigkeit bezweifelt.

Daniel Bach: Wie wirtschaftlich kann so eine umfassende Nachhaltigkeits-Strategie denn sein? Anders gefragt: Werden die Delinat-Weine nun teurer?

Karl Schefer: Es gehört zu den wichtigen Zielen des Delinat-Instituts, Methoden zu entwickeln, die nicht nur qualitative Verbesserungen bringen, sondern auch wirtschaftlich sind. Die Weine sollen durch die erwähnten Massnahmen nicht teurer werden.

Daniel Bach: Wie soll denn das gehen? Der Winzer muss ökologische Hotspots einrichten, auf schwere Maschinen verzichten, darf bei der Krankheitsbekämpfung nur sanfte Methoden anwenden und bei der Vinifikation nicht nachhelfen. Kurz: er muss mehr arbeiten. Das tönt nicht gerade wirtschaftlich…

Karl Schefer: Ein gesunder und vielfältig begrünter Weinberg mit hoher Biodiversität braucht kaum Dünger und viel weniger Pflanzenschutz. Der Winzer muss keine teuren Hilfsmittel kaufen und weniger Traktor fahren. Zudem erhöhen Sekundärkulturen zwischen den Reben – zum Beispiel Obstbäume – den Umsatz. Der wichtigste Wirtschaftsfaktor aber ist die Verbesserung der Wein-Qualität, denn die Weine aus biologisch gesunden Weinbergen sind gehaltvoll, authentisch und widerspiegeln ihr Terroir perfekt. Der Wein kann innerhalb weniger Jahre in eine höhere Klasse aufsteigen.

Mythopia, die Domaine des Delinat-Institutes

Mythopia, die Domaine des Delinat-Institutes

Daniel Bach: Eine wichtige Rolle in der zweiten Bio-Revolution spielt das Delinat-Institut im Wallis. Wie kann es die Winzer unterstützen?

Karl Schefer: Es entwickelt praxisnahe Modelle, die Winzer ohne grossen Aufwand und mit minimalen Risiken umsetzen können. Es stellt Beratung zur Verfügung, im Wallis, auf Château Duvivier in der Provence und bei den Winzern selbst.

Daniel Bach: Das Delinat-Institut mit seinen Weinbergen ist tatsächlich ein paradiesischer Ort mit einer fast unglaublichen Lebensfülle, und die Weine sind ein Hochgenuss. Ist Mythopia das Vorbild, dem alle Delinat-Winzer nacheifern sollen?

Karl Schefer: Sicher, die Instituts-Weinberge sind ein Kleinod und sollen eine starke Signalwirkung auf die Winzer ausüben.

Daniel Bach: Für die Delinat-Kunden ändert sich ja insofern etwas, als es auf den Weinen bald einen, zwei oder drei Weinbergschnecken hat – je nachdem, wie weit der Winzer auf seinem Weg ist, aus seinem Weinberg ein Öko-Paradies zu machen. Aber wie weiss ich als Kunde, dass der Natur dort tatsächlich so stark Sorge getragen wird, wie man mir das verspricht?

Karl Schefer: Die Einhaltung der Richtlinien wird von unabhängigen Kontrollstellen wie der bio.inspecta regelmäßig überprüft. Das ist die unabdingliche Vertrauensbasis. Ab Herbst 2010 werden zudem über jeden Wein detaillierte Informationen über unsere Webseite abrufbar sein. Über 100 Parameter zeigen, in welchem Zustand die einzelnen Weinberge sind, wie der Wein gekeltert, gefiltert, konserviert wurde. Konsumenten können die für sie wichtigen Kriterien definieren und jene Weine vorziehen, die ihrem Ideal am nächsten kommen. Das wiederum zeigt den Winzern, welche Bereiche den Weinfreunden besonders wichtig sind, um darauf zu reagieren. Die Kunden werden sozusagen zu Ko-Produzenten. Und sollten die Kunden auch nur den mindesten Zweifel hegen, so steht einem Besuch beim Winzer nichts im Weg. Die Richtlinien sind öffentlich und sind allgemeinverständlich. Und ob ein Baum inmitten der Reben wächst, lässt sich mit einem Blick überprüfen.

Daniel Bach: Herr Schefer, Sie haben Delinat vor 30 Jahren als Bio-Pionier gegründet und eine Firma aufgebaut, die in Sachen Ökologie zu den glaubwürdigsten gehört und einen entsprechend starken Namen hat. Nun erfinden Sie Delinat neu, investieren ihr Geld in ein innovatives, aber nicht ganz unumstrittenes Forschungsinstitut im Wallis und muten ihren Winzern eine anforderungsreiche Reise in unbekannte Gefilde zu. Mit Verlaub: warum tun Sie sich das noch an? Sie könnten doch einfach auf dem Delinat-Schloss in der Provence sitzen und das Leben geniessen…

Karl Schefer: Nein, das könnte ich nicht. Mein Leben ist der Ökologie gewidmet und trotz Erfolgen kann ich nicht zufrieden sein. Jeder, der das nicht versteht, sollte das Delinat-Institut besuchen und sich vom schlagenden Unterschied zwischen den toten Böden in der Nachbarschaft und dem lebenden Paradies Mythopia überzeugen.

Daniel Bach: Hand aufs Herz: Glauben Sie, dass wir die ökologische Kurve noch kriegen und den Umweltkollaps verhindern können? Die Klimaschutzkonferenz in Kopenhagen war ja ziemlich ernüchternd, und vom laufenden UNO-Jahr der Biodiversität ist auch nicht viel zu spüren.

Karl Schefer: Ich bezweifle das schon seit langem. Aber soll man aufhören zu schwimmen und freiwillig ertrinken, weil man glaubt, das Ufer nicht mehr erreichen zu können?

Die neuen Delinat-Richtlinien können Sie hier nachlesen.

Karl Schefers motivierenden Brief an die Delinat-Winzer hier

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Eine Antwort zu “Hat man je eine Revolution verordnen können?””

  1. Hannelore Hafner
    Titel:

    Ich finde es toll, wie Sie die Bio-Diversität fördern und gleichzeitig einen hervorragenden Wein produzieren. Als ältere Person, die sich gerne an die Magerwiesen mit ihren Düften und Insekten zurückerinnert, ist mir Ihr Unternehmen ein Hoffnungsschein, dass wieder achtsamer mit der Umwelt umgegangen wird. Ich bin überzeugt, dass Sie mit Ihrer neuen Charta richtig liegen und sowohl der Kundschaft wie der Natur viel Gutes damit tun. Danke!

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