Klimaneutral 2018


von Hans-Peter Schmidt

Bangladesch, Nepal, Cuba, Schweden, Spanien und natürlich Mythopia – das Jahr hat uns wieder an vielen Orten Inspiration und Entsetzen, Tage des Glücks und der Einkehr, Erkenntnisse und Illusionen und viele schleierhafte Einblicke in das Wesen von Natur und Mensch geschenkt. Wir haben unzählige Feldversuche angelegt, allein in Bangladesch waren es über 500 in mehr als 75 Dörfern, in Nepal sind hunderte Familien in das Waldgartenprogramm eingestiegen, in Stockholm hat der mit Abstand größte Energieversorger Klimaschutzprogramme mit Pflanzenkohle ins Leben gerufen, im heißen Andalusien wurde ein Naturweinberg als Beispiel für nachhaltigen Weinbau im Klimawandel angelegt. Wir waren beteiligt, für den nächsten Weltklima-Report das Potential von Kohlenstoff sequestrierender Landwirtschaft zu berechnen, haben einem global agierenden Teppichhersteller eine Methode zur Herstellung klimaneutraler Produkten eröffnet, und haben uns in Mythopia die Freude an der konkreten landwirtschaftlichen Praxis erhalten.

Das Jahr war lang und ist doch wie eine Möwe über Dublin entflogen. So wie es immer ist, wenn etwas vorbei ist: Das Vergangene schmilzt in der Erinnerung auf wenige Momente zusammen, denn schließlich ist einzig die Gegenwart unendlich, solang sie noch nicht vergangen ist. Vielleicht haben wir manchmal zu oft „Ja“ gesagt, weil die sich bietenden Gelegenheiten einfach kein „Nein“ erlaubten. Aber womöglich ist gerade das die wichtigste Erkenntnis dieses Jahres, dass es trotz aller völlig berechtigter Verzweiflung am Lauf der Welt doch allenthalben die Gelegenheiten gibt, die den Planeten und uns als die ihn bewohnende Gesellschaft vor dem Untergang bewahren könnten und die Zukunft als ein Licht erscheinen zu lassen, das uns der Finsternis unserer Vorurteile und der so unentbehrlich scheinenden Gewohnheiten entkommen lassen könnte.

Wir haben in diesem Jahr, und wir entschuldigen uns dafür, sehr wenig im Ithaka Journal veröffentlicht und die Webseite des Instituts nicht allzu aktuell gehalten. Dafür haben wir eine Vielzahl wissenschaftlicher Artikel in anderen Fachzeitschriften veröffentlicht (siehe hier), was, auch wenn es letztlich viel weniger Leute erreicht, eine gewisse Bedeutung hat, da bestimmte Ergebnisse und Erkenntnisse nur auf diese Art von den Fachkollegen, der Politik, den Hilfsorganisationen und Förderinstitutionen ernst genug genommen werden. Für manche ist das Leben ein Bedauern, nur das getan zu haben, was man eben getan hat, anstatt all das andere, was man hätte auch noch tun können, aber man kann dies weiß Gott auch gelassener nehmen – zumindest legen unsere Erfahrungen in den Dörfern Asiens dies nahe.

Wir haben uns vorgenommen, im nächsten Jahr wieder mehr jene Artikel zu schreiben, die das Potential haben, die Praxis zu verändern und Verständnis zu erwecken. Geplant sind u.a. die folgenden Themen: Aktivierte Pflanzenkohle zur Abwasserreinigung, Stabilität von Pflanzenkohle in der Umwelt, Pyrogener Kohlenstoff als Schlüssel für die Rettung des Klimas, ein Weißbuch über den Einsatz von Pflanzenkohle in der Landwirtschaft oder ein Update über die neuen Entwicklungen bei der Anwendung von Pflanzenkohle in der Bauindustrie, und natürlich Berichte von unseren Arbeiten in den Ländern, wo wir für Nahrungssicherheit, Klima und Ökosysteme engagiert sind.

Als Ergänzung der obigen Zeilen des Rückblicks empfehlen wir das folgende Video über die Waldgärten in Nepal. Um das beeindruckend schnelle Wachstum der Bäume und die schon nach zwei Jahren sichtbar werdende Veränderung der Landschaft zu dokumentieren, haben wir im November 2017 die Gegend unseres Projektes mit einer Drohne gefilmt. Dass wir im Umgang mit dieser neuen Filmtechnik noch keine Experten sind, bitten wir zu entschuldigen, die Bilder sollten trotzdem für sich sprechen.

Wir versuchen in den zehn Dörfern im Zentrum Nepals tatsächlich nicht weniger als ein Model für die Schließung der globalen Kohlenstoffkreisläufe zu entwickeln. Die knapp Fünfzigtausend gepflanzten Bäumen sind im globalen Maßstab natürlich verschwindend gering. Für ein effizientes Mittel gegen den Klimawandel braucht es millionenmal mehr Bäume. Aber unser Ansatz zielt darauf, die sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen zu erforschen, um ein realistisches Model zu schaffen, das sich vieltausendfach in vielen Regionen der Welt kreativ vervielfachen lässt.

Mit der Schaffung des CO2-Abos für die Waldgarten-Systeme in Nepal sind wir einen neuen Schritt gegangen. Es geht für Ithaka dabei vor allem darum, dass wir lernen und zeigen, wie ein lukrativer und nachhaltiger Wirtschaftszweig aus dem Schutz der Ökosysteme und des Klimas werden kann, wenn denn endlich die globale CO2-Steuer kommt. Wenn man Geld dafür bekommt, das Richtige (Humusaufbau, Wasserspeicherung, Biodiversität…), anstatt das Falsche (Monokultur, Humusverlust, sinkende Grundwasserreserven…) zu tun, kann das so schlecht nicht sein. Anstatt die Umverteilung der CO2-Steuern und Verschmutzungsrechte in die Hände großer, neuer Biomasseindustrien (Eukalyptus-Monokulturen) zu legen, suchen wir frühzeitig nach Wegen, die eine soziale und ökosystemdienliche Verteilung der CO2-Steuern auf internationaler Ebene ermöglichen.

Mit moderner Computertechnik kann jeder Bauer in jedem Dorf der Welt, der einen Baum pflanzte und pflegt, das CO2 handeln, das dieser Baum aus der Atmosphäre entzieht und das durch geeignete Technik in eine Form stabilen Kohlenstoffs umgewandelt wird. Dank automatisierter Kontrolle über Satellit oder Drohnen, kann die Bezahlung mit internationalen CarbonCoins über Bitchains ebenfalls automatisiert werden. So wie in Afrika und Asien das mobile Internet gleich zwei Generationen technischer Entwicklung übersprungen hat (Festnetztelefonie, zentrale Stromnetze, Bürocomputer), werden die Entwicklungsländer bei der Rettung des Klimas und der Ökosysteme an vorderster technischer Front stehen. So wie Wikipedia in wenigen Jahren das Wissen der Menschheit vernetzt und demokratisiert hat, wird die Wiederbepflanzung des Planten (Klimafarming) zu einer technisch ausgereiften und sozial robusten Vernetzung und Demokratisierung der bäuerlichen und städtischen Strukturen führen.

Nur verstärktes Biomassewachstum, die dauerhafte Sequestrierung des pflanzlichen Kohlenstoffes und die Unterbindung der Verbrennung fossiler Rohstoffe kann den Klimawandel noch in jenen Grenzen halten, welche das Überleben der Menschheit nicht außer Sichtweite geraten lässt. Der glückliche Umstand dabei ist, dass die Steigerung der Biomasseproduktion in Waldgärten mit hoher Biodiversität nicht nur die Ökosysteme und die Wasserversorgung verbessert, sondern auch die Lebensmittelsicherheit und die Einkommenslage der lokalen Bauern.

Sollten Sie sich zum Jahresende entscheiden, ab 2018 klimaneutral zu leben, aber aufgrund der Teilhabe am mitteleuropäischen Lebensstil, dies nicht durch vollständige Reduktion der Emissionen für Transport, Heizung, Konsum und Ernährung erreichen, können wir Ihnen ein CO2-Abo anbieten. Die Höhe das Abos berechnet sich aus Ihrem CO2-Fußabdruck und liegt in Deutschland bei durchschnittlich 33,50 Euro pro Monat, was einer jährlichen Treibhausgasemission von 11.5 t CO2eq entspricht (detailliertere Informationen zum CO2-Abo und dessen Erwerb finden Sie hier oder schreiben Sie uns eine Email).
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Die Bäume im Hintergarten des Rundhauses, das wir nach dem Erdbeben in Ratanpur gebaut hatten, wurden knapp 2,5 Jahre vor der Aufnahme dieses Bildes gepflanzt und beschatten schon jetzt großzügig das Dach des Hauses.

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