Das Paradies liegt nebenan


von Thomas Vaterlaus

Ein Schweizer macht Château Duvivier zu einem führenden Weingut in Frankreichs Süden und erschafft sich mit seiner Frau, die zuvor in Hongkong mit Wertschriften handelte, ein privates Provence-Paradies. Mit schwarzem Trüffel und vielem mehr. Ein wahres Märchen.
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Zufrieden drückt Antoine Kaufmann den Pfropfen in das Spundloch des letzten Barriques, schließt den Keller ab und fährt mit seinem Jeep durch die abendlich-spektakuläre Provence-Urlandschaft. Die tiefstehende Sonne zaubert lange Schatten aus Reben, Rosmarinsträuchern und knorrigen Maulbeerbäumen. Über dem Grossen Bessillon, der sich wie der Rücken eines Walfisches aus dem Hochplateau erhebt, tanzen Kumuluswolken. Weit oben in den waldigen Hügeln schimmert die Silhouette des kleinen Dörfchens mit dem poetisch-skurrilen Namen Fox-Amphoux im Abendlicht. Dort sitzen sie jetzt schon beim Pastis in der Dorfkneipe. Wenn Antoine Kaufmann durch das beschaulich weite Hügelland nach Hause zu seinem Landgut Clos d’Auquier unterwegs ist, sieht er eine Welt, die immer die gleiche ist und doch jeden Tag eine andere. Anders, weil er die tausend kleinen Dinge wahrnimmt, die nur jemand erkennen kann, der tiefe Wurzeln geschlagen hat. Jemand, der aus einem Ort seinen Ort gemacht hat. Und an Abenden wie diesem, wenn Sonne und Wind zu einem Heimspiel antreten, ist es sowieso schlicht und einfach der schönste Platz der Welt.

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Die schönste Stunde des Tages
Das Geräusch des näherkommenden Jeeps macht aus Lucky einen Löwen. Sein Schwanz wedelt plötzlich wie ein verrückt gewordener Scheibenwischer. Antoine greift sich eine kleine Hacke, einen Beutel, zwei Handvoll Hundekekse und geht zur Tür. Kaum ist sie auf, rast Lucky los. Schließlich hat er seine ganz Kraft aufgespart für diese schönste Stunde des Tages. Eigentlich ist der Clos d’Auquier nichts anderes als eine Lichtung in einer beschaulichen Wald-Hügellandschaft. Die «Bergerie», das sorgsam renovierte Gehöft eines ehemaligen Schäfers, bleibt den ganzen Spaziergang über im Blickfeld. Aus den Fenstern des traditionellen Steinhauses fällt schon warmes Licht. Irene ist wohl bereits daran, dass Abendessen vorzubereiten. Die Szenerie mit dem alleinstehenden Haus, dem Garten und den Rebbergen davor, hat etwas ungemein Friedliches. Der lockere Wald, der diese Idylle vom Rest der Welt verbirgt (wobei die Welt nicht fern ist, sondern mit dem lebendigen Provence-Dorf Cotignac nur gerade drei Kilometer Luftlinie entfernt), besteht aus einer Vielfalt an Sträuchern und Bäumen, wie sie selten anzutreffen ist. Lucky interessiert sich vor allem für Steineichen und Wacholderbäume. Denn unter diesen liegen sie, die «Tuber melanosporum», die besten der schwarzen Trüffel. Wenn er mit seinen Vorderpfoten in irrwitzigem Tempo ein Loch in den Boden fräst, hat er den Duft eines Trüffels in der Nase. Sofort ist Antoine zur Stelle, vollendet mit der Hacke die Wühlarbeit und kann alsbald einen ordentlichen Trüffel in seinem Beutel verstauen. Lucky’s Lohn besteht aus Hundekeksen. Das kann einen vierbeinigen Gourmet wie ihn nicht ganz zufrieden stellen. Darum verschärft er zuweilen das Suchtempo derart, dass er den Trüffel schon mit zwei, drei Bissen vertilgt hat, bis sein Herr am Tatort erscheint.

Trüffelstreifen zwischen den Reben

Während der noch gräbt, wo schon nichts mehr ist, setzt Lucky sein schönstes Hundelächeln auf. Trotzdem kehrt das Gespann mit stolzer Beute zurück. Irene hat wieder reichlich Material für Trüffelbutter, Trüffel-Carabonara und «Brouillade aux truffes», wobei das legendäre Trüffel-Rührei dann besonders intensiv schmeckt, wenn man die Trüffel zusammen mit einigen Eiern in eine Plastikbox einschließt und diese einige Tage im Kühlschrank aufbewahrt. So dringt das unnachahmliche Parfum der Erdknollen durch die Eierschalen…

Der rauhe Charme der Provence
Mit der Trüffelsuche ist Antoine tief in jenes geheimnisvolle Metier eingedrungen, das sonst einzig den Einheimischen vorbehalten bleibt. Deren Sicht der Dinge ist eine einfache: Wem immer auch die Grundstücke am Gros Bessillon gehören mögen, wenn im Herbst das Jagd- und Trüffelfieber ausbricht, betrachten sie es als ihr Land. Antoine hat es als einer der wenigen Zuzügler geschafft, dass sein Grundbesitz anerkannt und in Ruhe gelassen wird. Wenn er ab und zu mal im Café Europe im nahen Barjols auf ein Glas Bier vorbeischaut, wo jene – auf den ersten Blick – rauhen Gesellen verkehren, die noch immer nach ihren eigenen Gesetzen nach Trüffel und Wildschweinen jagen (und Streitigkeiten auf ihre Weise lösen), nicken sie ihm diskret aber respektvoll zu. Es werden nie seine Freunde werden. Und doch weiss er, dass es die archaische Landschaft ist, die diesen Menschenschlag geprägt hat. Es sind Charaktere wie aus den Provence-Romanen von Marcel Pagnol.

Von Hongkong nach Cotignac
Sicher: Der Wein schreibt unglaubliche Geschichten. Doch wenn sich ein Schweizer Weinmacher und eine Wertschriftenhändlerin aus Hongkong in der Provence treffen und gleich hier heimisch werden, klingt das beinahe wie ein Märchen aus 1001er Nacht. Irene Teoh stammt aus einer chinesischen Familie, die seit langem in Malaysia lebt. Sie wuchs in Ipoh, 250 Kilometer nördlich von Kuala Lumpur auf. In einem islamischen Land wie Malaysia ist Wein verpönt. Irene kann sich nicht erinnern, dass in ihrem Elternhaus jemals ein Glas Wein getrunken worden wäre. Ipoh ist eine Provinzstadt, bekannt für Zinnförderung, vorzügliches Tofu und eine schon etwas verblichene Kolonialarchitektur. Die jungen Menschen wollen vor allem eines: weg. Auch Irene entflog der Provinz, sie wurde Flugbegleiterin bei Singapore Airlines und Cathay Pacific. In der mondänen First Class beobachtete sie, wie westliche Fluggäste sich die Langstreckenflüge mit exquisitem Weingenuss verkürzten. Sie sah, wie sie ihn erschnüffelten und Schluck für Schluck im Gaumen aufnahmen. Das Elixier begann sie zu interessieren. «Wenn wir ein islamisches Land anflogen, mussten wir angebrochene Flaschen wegleeren. Wenn ich also Krug Champagner oder Château Margaux in den Ausguss leerte, probierte ich manchmal einen Schluck. Ich wollte wissen, wie ein Getränk schmeckt, dass im Westen so ein Prestige hat. Das waren meine ersten Wein-Erlebnisse», erinnert sich Irene. Später arbeitete sie als Wertschriftenhändlerin in Hongkong. Und in diesem Schmelztiegel der Kulturen wurde sie zur Weingeniesserin. 1997 reiste für ein halbes Jahr ins Rhônetal, und schrieb sich in die Université du Vin in Suze-la-Rousse ein. Hier traf sie Antoine Kaufmann. Der Basler, der in der Westschweiz Önologie und Weinbau studiert hatte, war in Sachen Wein um die ganze Welt gereist. Unter anderem hatte er im Veneto, der Toskana, Südaustralien, dem Napa Valley und in Bordeaux schon Weinernten mitgemacht. So führte der Wein also zwei Weitgereiste aus zwei Kontinenten zusammen und bescherte ihnen alsbald in einem paradiesisch abgelegenen Winkel der Provence eine gemeinsame, neue Heimat.

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Der neue Geist von Duvivier
Inzwischen sind bald zehn Jahre vergangen. In dieser Zeit hat Antoine Kaufmann zusammen mit Irene nicht nur ein privates Paradies geschaffen. Er hat auch die idealistischen wie ehrgeizigen Konzepte, die hinter dem Projekt Château Duvivier stehen, in Realität umgesetzt. Das Gut mit heute 22,5 Hektar Reben ist daran, Weingeschichte zu schreiben. Seit die Rotweine nicht nur in Barriques, pyramidenartigen Betontanks und «magischen Ton-Eiern» reifen, sondern auch in neuen 3000 Liter-Fässern des Edelküfers Taransaud, zeigen sie mehr beerig-elegante Frucht, ohne dabei ihre Herkunft aus einem eher kühlen Provence-Terroir zu verleugnen. Der 2005er «Les Mûriers» gehört zweifelsfrei zu einigen der besten roten Crus dieses Jahrgangs in der Provence. 2004 wurde mit dem «L’Armandier» erstmals auch eine weisse Topcuvée aus den Sorten Rolle (Vermentino), Clairette und Grenache blanc abgefüllt. Das Gewächs wirkt ausserordentlich frisch und komplex zugleich. Nur ganz wenige Provence-Weissweine zeigen soviel tänzerischen Charme.

Château Duvivier, F-83670 Pontevès, www.château-duvivier.com

[Fotos: Moira Anounaki]

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